Kapitalismus – Was ist das? (Versuch einer Annäherung)

Auch wenn mensch den Eindruck hat, dass alles, was es dazu zu sagen gäbe, schon gesagt ist, so stoßen kapitalismuskritische Standpunkte in linken und grünalternativen Kreisen doch immer wieder auf Unverständnis, was nicht selten darin gipfelt, dass moralische Ansprüche an den bösen Kapitalisten geltend gemacht werden oder der Staat den Kapitalismus an die Leine nehmen soll. Beide Intensionen sind nicht nur falsch, sie sind auch noch gefährlich, indem sie Voraussetzungen für faschistische Ideologien rechtfertigen. Kapitalismus ist weder domestizierbar noch an den Willen des handelnden Subjektes gebunden.


„In der Natur sind es – soweit wir die Rückwirkung der Menschen auf die Natur außer acht lassen – lauter bewußtlose blinde Agenzien, die aufeinander einwirken und in deren Wechselspiel das allgemeine Gesetz zur Geltung kommt. Von allem, was geschieht – weder von den zahllosen scheinbaren Zufälligkeiten, die auf der Oberfläche sichtbar werden, noch von den schließlichen, die Gesetzmäßigkeit innerhalb dieser Zufälligkeiten bewährenden Resultaten –, geschieht nichts als gewollter bewußter Zweck. Dagegen in der Geschichte der Gesellschaft sind die Handelnden lauter mit Bewußtsein begabte, mit Überlegung oder Leidenschaft handelnde, auf bestimmte Zwecke hinarbeitende Menschen; nichts geschieht ohne bewußte Absicht, ohne gewolltes Ziel. Aber dieser Unterschied, so wichtig er für die geschichtliche Untersuchung namentlich einzelner Epochen und Begebenheiten ist, kann nichts ändern an der Tatsache, daß der Lauf der Geschichte durch innere allgemeine Gesetze beherrscht wird. Denn auch hier herrscht auf der Oberfläche, trotz der bewußt gewollten Ziele aller einzelnen, im ganzen und großen scheinbar der Zufall. Nur selten geschieht das Gewollte, in den |297| meisten Fällen durchkreuzen und widerstreiten sich die vielen gewollten Zwecke oder sind diese Zwecke selbst von vornherein undurchführbar oder die Mittel unzureichend. So führen die Zusammenstöße der zahllosen Einzelwillen und Einzelhandlungen auf geschichtlichem Gebiet einen Zustand herbei, der ganz dem in der bewußtlosen Natur herrschenden analog ist. Die Zwecke der Handlungen sind gewollt, aber die Resultate, die wirklich aus den Handlungen folgen, sind nicht gewollt, oder soweit sie dem gewollten Zweck zunächst doch zu entsprechen scheinen, haben sie schließlich ganz andre als die gewollten Folgen. „
Friedrich Engels „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“, 1886

Was sich in dem auf Aristoteles zurückgehenden Satz ‚Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.‘ zusammenfassen lässt und einen Hinweis darauf gibt, dass die Wertkritik entgegen einem allgemeinen Vorurteil das handelnde Subjekt eben nicht zum Objekt degradiert, sondern vielmehr die Übereinstimmung der Handlungsmöglichkeiten mit den gewollten Zielen anzweifelt, Marx spricht vom „automatischen Subjekt“. Aus diesem Grund macht auch eine Zusammenbruchstheorie, wie sie bei „exit“ praktiziert wird, durchaus Sinn.
Ich schweife ab, es geht ja um das Verständnis, was eigentlich denn nun wirklich Kapitalismus ist. Um dies zu ergründen, hilft uns vielleicht ein Zitat der ehemals antideutschen Ikone Wolfgang Pohrt.

„Die Praemissen aber, die fuer das Scheitern der politischen Oekonomie verantwortlich sind, sind selbst keine logischen, sondern ganz reale. Eben deshalb haelt Marx keine wissenschaftliche, sondern eine wirkliche Revolution fuer noetig, und diese vorweggenommene wirkliche Revolution ist eine Praemisse des Marxschen Denkens. […] Das Kapital als Vorstufe zu einem Verein freier Produzenten betrachtet, also diesen Verein freier Produzenten vorausgesetzt, werden die Luecken und Widersprueche der politischen Oekonomie begreiflich, und der Widerspruch von Freiheit und Notwendigkeit im gesellschaftlichen Leben der Menschen, eine der zentralen Aporien buergerlichen Denkens, loest sich materialistisch gewendet dahin auf, dass die freien Produzenten1 das Wenige, was zu tun sie noch gezwungen waeren2, sehr wohl in freier Uebereinkunft regeln koennten und keines ueber ihnen schwebenden gesetzmaessigen Zusammenhanges mehr beduerften. Die Voraussetzung dieser theoretischen Aufloesung der Widersprueche der politischen Oekonomie ist aber so wenig eine logische, wie zuvor die Unfaehigkeit zur Aufloesung dieser Widersprueche nicht logisch, sondern real begruendet war. Man muss das Kapital vielmehr abschaffen wollen, wenn man es begreifen will, und dieser Wille, das Kapital abzuschaffen, hat seinerseits aussertheoretische Gruende. […]Zwar ist das Kapital nur begreiflich, wenn man es abschaffen will, aber wenn man es abschaffen will, ist es immerhin tatsaechlich zu begreifen.“
Wolfgang Pohrt „Vernunft und Geschichte bei Marx“, 1978

Diese Aussage ist nicht nur eine klare Absage an jegliche reformistischen Tendenzen, sie zeigt uns auch einen Schlüssel für einen theoretischen Zugang.
Marx sprach von materialistischer Dialektik in Abgrenzung zur Hegelschen Dialektik, die die Wechselwirkung zwischen Menschen, Sachen, Zuständen, Ereignissen, Denken etc. nicht nach einem völlig zufälligen Prinzip erkennt, sondern gesellschaftliche Entwicklungen immer auch als Resultat ökonomischer Gesetzmäßigkeiten sieht. Das meinte Engels mit seinem Spruch, dass Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt werden müsse. Nur in dem Zusammenhang sind historische Entwicklungen verständlich, während sie bei der einer Ausblendung der selben chaotisch und zufällig erscheinen. Alle gesellschaftlichen Entwicklungen beruhen zwar genauso wie die historischen Brüche auf menschlichen Handlungen, aber warum bestimmte Handlungen teilweise auch entgegen dem Willen der Handelnden zu bestimmten Resultaten führen, ist erst unter Berücksichtigung der ökonomischen Rahmenbedingungen einleuchtend. Interessant ist in diesem Zusammenhang der Begriff der Totalität, die in der kritischen Theorie „den systematisch-strukturellen, einheitlichen Zusammenhang von Gesellschaft, insbesondere einer kapitalistischen Gesellschaft, wie er dieser wesentlich zugrunde liegt und in den maßgeblichen Momenten die mannigfaltigen Erscheinungsformen dieser Gesellschaft bestimmt und prägt. Darüber hinaus umfasst der Begriff der Totalität die Verknüpfungsbeziehungen der gesellschaftlichen Einzelphänomene untereinander; das heißt: sie können nur in ihrer Ganzheit und nicht getrennt voneinander angemessen erfasst werden.“ (Wikipedia) Im Positivismusstreit (Adorno vs. Popper) ging es gerade um diese Totalität, wobei Adorno die Forderung an die Soziologie erhob, die Aufdeckung dieser Totalität solle Aufgabe sein, während Popper in einem methodisch induktiven Wissenschaftsbild gefangen, die Unmöglichkeit dieses Anspruches dagegen stellte.

Warum jetzt der ganze hobby-philosophische Exkurs? Meines Erachtens ist der Blick auf das Ganze häufig dadurch getrübt, dass linke AktivistInnen sich auf den Standpunkt stellen, sie täten was gegen den Kapitalismus, nur aus dem Aspekt heraus, weil sie sich irgendwie organisieren, demonstrieren oder was sonst noch an Engagement möglich ist. Meiner Meinung nach muss ein dialektisches Grundverständnis, also ein Verständnis für die gesellschaftsökonomischen Wechselwirkungen erst erarbeitet werden, bevor ein Engagement Sinn macht. Und Sinn macht es m.E. auch nur dort, wo die Möglichkeit besteht die Ursachen aufzudecken und jene, die bei einer Stabilisierung des Kapitalismus mithelfen, bloß zu stellen. Es hängt nicht von unserem Handeln ab, ob der Kapitalismus untergeht. Es hängt aber indirekt von unserem Handeln ab, wann er untergeht, wieviel Leid er bis dahin noch verursacht und welche gesellschaftlichen Optionen sich im Postkapitalismus bieten. Wir sollten dabei bedenken, dass der Kapitalismus enorm anpassungsfähig ist und jede Änderung, die wir erkämpfen von ihm subsumiert werden kann und ihm damit neue Möglichkeiten der Akkumulation bietet.

„Die soziale Ordnung in Deutschland bleibt eine Gefängnisordnung.
[…]
Bündnisse funktionieren nicht unterhalb eines gewissen Niveaus. Wir sollten nicht unterschlagen, dass wir das Ziel haben, den Kapitalismus abzuschaffen. Das geht nicht mit sozialdemokratischen Organisationen, egal ob SPD oder Linkspartei. Das ist klar – seit der SPD/Linkspartei-Koalition in Berlin, seit dem Deutschen Herbst, seit den Notstandsgesetzen, seit Ebert und Noske, seit der verratenen Novemberrevolution von 1918/19 und den Kriegskrediten von 1914.
Bündnisse der antikapitalistischen und staatsunabhängigen Linken sind: antinationale und reformismusfreie Zonen![…] Das klassische revolutionäre Subjekt, die Arbeiterklasse mit einem kollektiven Bewusstsein ihrer sozialen Lage, existiert nicht mehr. Unsere potenziellen Bündnispartner sind: Migranten, Subproletarierinnen, Straßenkinder, Facharbeiter, Schüler, Studentinnen, Leiharbeiterinnen, Künstler, Hartz-IV-Empfänger, Intellektuelle. Es ist mühsam, aber auch ziemlich interessant über den spießigen Tellerrand des eigenen Milieus zu schauen.
[…]
Unser Ziel ist eine Gesellschaft, die auf Solidarität aufbaut und auf sozialer Gleichheit, in der es keine Ausbeutung und keine Herrschaft von Menschen über Menschen mehr gibt, eine Gesellschaft, in der wir basisdemokratisch entscheiden, wie wir leben und arbeiten wollen. Das ist ein tollkühner Plan. Den Weg, durch den wir dieses Ziel erreichen könnten, nennen wir soziale Revolution.”

Jutta Ditfurth, Frankfurt am Main, 28.3.2009

Es gibt keine Sicherheit, dass die postkapitalistische Gesellschaft wirklich der Verein freier Produzenten, also eine anarchokommunistische Gesellschaft sein wird, genauso gut kann es auch die Barbarei sein.

Um wieder auf das eigentliche Thema zurück zu kommen, ich könnte es mir einfach machen und Kapitalismus als Warengesellschaft bezeichnen. Das bedingt aber ein Verständnis, welches an dem Problem scheitert, dass unser Bewußtsein im Widerspruch zu diesem Verständnis steht, weil wir den abstrakten Charakter der Ware als real verinnerlicht haben. Mit Rückgriff auf Marx ließe es sich vielleicht so ausdrücken, dass der Kapitalismus eine Gesellschaft ist, die gesellschaftliche Verhältnisse als Verhaltnisse von Dingen erscheinen lässt bzw. diesen Verhältnis auf den imaginären Begriff des Sachzwangs reduzieren, dem Robert Kurz sein Essay „Subjektlose Herrschaft“ widmet, in dem er auf die Schwierigkeit dieses Zusammenhanges eingeht. Jener Sachzwang ist zugleich Motor wie Überlebenselixier der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, er resultiert aus der Notwendigkeit der Kapitalakkumulation, Kapital ist sich also Selbstzweck und dient einzig und allein der Mehrung seiner selbst. Dies wäre an sich noch kein Problem, da es dann ja einfach per Willensakt entsorgt werden könnte, das Problem besteht aber in einer zweiten Seite, dass es nämlich die unangenehme Eigenschaft hat, alle gesellschaftlichen Verhältnisse unter sein Diktat zu zwingen, wo wir nun wieder bei der Abstraktion aus dem Verhältnis von Dingen landen.
Vielleicht hilft uns eine negative Herangehensweise über eine weit verbreitete Utopie

Das utopische Denken hat immer wieder mit der Idee gespielt, das Geld abzuschaffen. Aber dieses Denken griff regelmäßig zu kurz, weil das Geld nur die Oberfläche einer bestimmten gesellschaftlichen Form bildet. Das Geld ist, so Marx, die Erscheinung eines gesellschaftlichen Wesens, nämlich der „abstrakten Arbeit“ und des Werts (der Verwertung). Wer aber bloß die oberflächliche Erscheinung abschaffen will, ohne das zu Grunde liegende Wesen anzutasten, der stiftet eher Unheil als Befreiung. Wenn nämlich in einem System der betriebswirtschaftlichen Warenproduktion dem Geld seine regulative Funktion genommen oder es gar ganz abgeschafft wird, dann kann an die Stelle der Geldfunktion nur eine totalitäre Bürokratie treten. In der jüngeren Geschichte hat das Regime von Pol Pot in dieser Hinsicht die grausigsten Konsequenzen verwirklicht; aber auch die sozialistischen und staatskapitalistischen Entwicklungsregimes hatten Elemente davon. Andere Formen der Abschaffung des Geldes, wie etwa die Tauschringe, müssen nicht nur auf alle Vorteile eines hohen Grades von Vergesellschaftung verzichten; sie können auch nur Surrogate des Geldes hervorbringen (Leistungszettel etc.) und müssen letztlich scheitern, wie es gerade wieder in Argentinien geschehen ist.“
Robert Kurz „Eine Welt ohne Geld“

Er setzt fort, indem er das negative Eintreten der Utopie in Folge der weltweiten Verarmung aufzeigt, um dann zu dem Schluss zu kommen:

Diese Seite der Krise des Geldes, die in Wirklichkeit eine Krise der „abstrakten Arbeit“ ist, wird in der öffentlichen Debatte eher verdrängt. Aber die kapitalistische Krisenverwaltung reagiert auf die Ausdünnung des allgemeinen Geldverkehrs nicht viel anders als die staatssozialistischen Regimes und die totalitären Utopien, nämlich mit bürokratischer Schurigelung der unfreiwillig „entmonetarisierten“ Menschen. Gleichzeitig werden in einem Klima der Geldangst rassistische und antisemitische Krisenideologien eines „guten, ehrlichen Geldes“ für eine „gute, ehrliche Arbeit“ ausgebrütet, statt zur emanzipatorischen Systemkritik überzugehen. Wer hätte das gedacht: Der Kapitalismus beginnt selber negativ-utopisch zu werden.
Robert Kurz „Eine Welt ohne Geld“

Anmerkung:

  1. siehe auch Christoph Spehr „Gleicher als andere“ [.pdf] [zurück]
  2. 5 Stunden Woche [zurück]

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